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Next Office

Überall Arbeit
Text: Uwe Fischer

Das Büro ist überall, weil auch die Arbeit in der Dienstleistungsgesellschaft überall ist – zu Hause, im Zug, im Flugzeug, beim Essen oder auf der Couch. Microsoft warb 2006 noch mit dem Slogan: „Mit Windows Mobile entscheiden sie selbst, wann, wo und wie Sie arbeiten wollen.“ Die Werbung wurde Wirklichkeit und die Freiheit verkehrt sich manchmal in ihr Gegenteil. Denn mit der Alltäglichkeit des Überall-und-immer-Arbeitens gehen auch die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit und die Möglichkeit der permanenten Kontrolle einher. Erst durch die Erreichbarkeit an jedem Ort- im Büro, unterwegs oder zu Hause – konnte sich die Trennung von Arbeit und Freizeit immer weiter auflösen. Schon lange ist er ausgeträumt der Traum vom Hobbykeller, in dem man nach Arbeitsende im Stillen seiner wahren und selbstbestimmten Leidenschaft nachging, an der Märklin-Eisenbahn basteln und die Welt um sich herum vergessen durfte. Heute besteht das Hobby im Freizeitsport, vom regelmäßigen Besuch im Fitnessstudio über Mountenbiking zu Yoga und Marathon, auf dass für den Arbeitseinsatz Körper und Geist in Spannung gehalten werden. Jeder ist verantwortlich, und alle sind irgendwie auch ihre eigenen Unternehmer. Wer es nicht sein will oder kann, wird auf die hinteren Plätze verwiesen. Der Anpassungsdruck und die Angst vor der Brüchigkeit heutiger Arbeits- und Lebensverhältnisse sind groß. Es ist nicht nur eine Angst vor ökonomischen Zwängen, es ist auch die existentielle Angst, ausrangiert, nichts mehr wert und überflüssig zu sein. Was wird mit dem Ort passieren, den wir heute noch Büro nennen? Der durch zunehmende Mobilität und veränderte Arbeitsweisen in seiner ursprünglichen Form an Bedeutung eingebüßt hat. Das Büro, einst Kontor, hat sich im Laufe der Geschichte über diverse Metamorphosen zum Großraumbüro und zum Co-working-Office verwandelt. Wie wird sich dieser Ort in Zukunft verändern? Wird es ihn überhaupt noch geben? Mit dem Einzug des Digitalen und den damit verbundenen Möglichkeiten scheint sich das bekannte Bild des Büros mehr und mehr aus dem kollektiven Bewußtsein zu verabschieden. Noch allerdings existiert dieser Ort, wenn auch vielleicht als Auslaufmodell: diese mit Teppichböden, Rasterdecken, arbeitsplatztauglichem Licht ausgestatteten Räume, bespielt mit Möbeln aus Pressspan, Melamin und Chrom, verstellbaren und weich gepolsterten Bürostühlen, mit Computern, Drucker in Plastikgehäusen, Hydrokulturpflanzen und den kleinen, aus Postkarten und Kuscheltieren arrangierten Fetisch-Ecken, die den eigenen Arbeitsplatz markieren und an das andere, das private Leben erinnern. In den Prospekten einiger Büromöbelhersteller hat sich die Vorstellung vom Büro schon längst gewandelt. Mit Sofas, Bibliotheken, ‚Communication-Areas’, Fitnessangeboten und Kinderbetreuung versucht man, für die in der Dienstleistungsgesellschaft entstandenen Bedürfnisse die entsprechenden Einrichtungsbilder zu finden. Vielleicht werden demnächst die Büros nur noch Rastplätze sein auf dem ständigen Sprint zwischen Meeting und Hotel, Kindergarten und Shopping, Speed-Dating und Fitness, Dinner und Therapie. Vielleicht werden es eher Orte zur Inspiration, für das soziale Miteinander und das Lernen als für die Büroarbeit. Aber wird es noch Arbeitsverhältnisse geben, die ein Büro erfordern wie wir es kennen? Und wie wird sich das Wohnen verändern, wenn die Arbeit immer mehr das Private bestimmt? Wird der Arbeitsplatz mehr Partner- und Kontaktbörse- und schließlich wieder Ort des Privaten, mit Kinderbetreuung und Gewinnbeteiligung? Oder werden die prekären Arbeitsverhältnisse zunehmen und sich alle in mobiler Bereitschaft halten, um den nächsten Job zu ergattern, immer bereit und immer unterwegs, so wie der pendelnde Angestellte in sicherem Arbeitsverhältnis? Wie werden sich die Verkehrsmittel entwickeln müssen, wenn während des Reisens immer gearbeitet wird, weil ja auch diese Zeit effizient genutzt sein will? Eines ist klar: Das Büro wird sich weiter verändern, so wie sich die Arbeit und die Gesellschaft verändern werden. Es werden neue Tätigkeiten entstehen – und damit auch neue Anforderungen an die Orte, die wir heute noch Büro nennen.

Prof. Uwe Fischer & AM Manuel Meßmer
Wintersemester 2011/12
Beteiligte Studenten: Desirée Bein, Felix Geiling, Andreas Gröning, Marita Schwenkedel, Jose Manuel Torner, Julian Wilczek

Die im Zusammenhang mit dem Projekt enstandene Publikation finden Sie hier:

Next Office – Eine Untersuchung zum Arbeitsplatz der Zukunft



Vom Bauernhof in die Megacity
Entwurf: Marita Schwenkedel
Text: Manuel Meßmer

Früher diente ein Bauernhof allein der Ernährung der Besitzerfamilie. Jede Generation und jedes Familienmitglied half bei der Arbeit mit, sei es im Stall, auf dem Feld, bei der Pflege älterer oder in der Erziehung jüngerer Angehöriger. Nachwuchs zu bekommen, war für das Überleben eines Betriebes unbedingt notwendig. Der Nachfrage entsprechend spezialisierten sich einzelne Höfe auf bestimmte Erzeugerprodukte wie Milch oder Getreide oder auf die Viehwirtschaft. Mit der Industrialisierung wurden schließlich zahlreiche Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt. Es trieb die Menschen auf der Suche nach Arbeit in größere Städte. Heute stellen Kinder einen Luxus dar und sind schwer mit Job und Karriere unter einen Hut zu bringen. Gerade die sich auflösende strikte Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit verlangt von vielen Eltern ein Höchstmaß an Organisation. BlackBerry und Internet sind – auch im Privatleben – ständig präsent. Welche Verantwortung tragen hierbei die Unternehmen? Wenn vom Arbeitnehmer permanente Abrufbereitschaft und Erreichbarkeit verlangt sind und die Unternehmen wochenweise Arbeitspläne und Zeiten durchtakten: Kann dann nicht auch die Freizeit in die Planung miteinfließen? Das «Home-Office» steht heute sinnbildlich für die weitgehende Vermengung von Arbeit und Privatleben. Der Mangel an Austausch mit Kollegen muss als eine der Schwachstellen im Vergleich zur festen Arbeitsstätte gewertet werden. Für die Zukunft wird die Möglichkeit einer kompromisslosen Verbindung von Familie und Beruf immer wichtiger werden.



Hier und Dort
Entwurf: Désirée Bein, José Manuel Torner
Text: Manuel Meßmer

Hier und Dort Unterwegs zu arbeiten, ist durch die digitale Revolution, die Gründung des World Wide Web und die Entwicklung mobiler Endgeräte längst Usus geworden. Mobiltelefone boten den ersten Schritt weg vom festen Arbeitsplatz und ermöglichten einzelnen Arbeitnehmern eine Loslösung aus bestehenden, starren Strukturen. Inzwischen sind Programme, Daten und Ordner in digitaler Form überall abrufbar, die Benutzer-Identifikation schafft der Zugriff darauf. Die Erschließung der Welt und der globalen Märkte mittels (Billig-)Airlines schreitet weiter voran. Nicht mehr nur die Geschäftsleitung ist heute häufiger unterwegs als im Büro. Da sich auch Produktion und Vertrieb zunehmend verlagern, nimmt die Zahl der Geschäftreisen kontinuierlich zu. Doch Mobilität beginnt nicht erst am Flughafen, sondern schon vor der Haustür und auf der Fahrt zur Arbeitsstätte. In Großstädten verursacht sie regelmäßige Staus durch den Pendelverkehr und in Megacities erreicht ihre Bedeutung eine nicht mehr steigerbare Dimension. Durch das hohe Verkehrsaufkommen geht viel Zeit verloren – Arbeitszeit. Dabei könnte man auch unterwegs die Arbeit fortsetzen. Das Abhalten von (Telefon-)Konferenzen, die Erledigung organisatorischer Aufgaben und die Möglichkeit zur konzentrierten Arbeit stehen im Mittelpunkt des Projektfilms. Ob von Firmen direkt unterhalten und finanziert oder als Serviceangebot eingerichtet, überbrückt das Projekt die Lücke zwischen Flughafen und Meetingpoint, stellt die effiziente Nutzung von Zeit in den Vordergrund und schafft einen Rückzugsort im Großstadtdschungel. Ausgelegt ist das Konzept für bis zu vier Personen. Im besonderen Fall lässt sich der «Konferenztisch» durch Aneinanderreihung beliebig erweitern. Der mobile Arbeitsplatz erlaubt es, Meetings und Konferenzen an jedem nur denkbaren Ort abzuhalten und verlagert den Schreibtisch, das Büro, nach Bedarf auf die Autobahn oder in die Natur, ausgestattet mit allem, was zum Arbeiten benötigt wird.



Quartierbüro auf Zeit
Entwurf: Felix Geiling, Julian Wilczek
Text: Manuel Meßmer

Ökonomische Gründe veranlassen heute viele Unternehmen, Teilaufgaben und -strukturen aus dem Kerngeschäft auszulagern und an Externe zu überantworten. Outsourcing ist in der globalisierten Welt zum gängigen Managementwerkzeug geworden, um notwendige Investitionen (Software, Hardware, Technologien u.a.) an Drittunternehmen zu übertragen. Bisher konzentriert sich das Outsourcing auf tatsächliche Produktions- und Dienstleistungen. Wenn man aber die Kosten für den Unterhalt und die Instandhaltung von unternehmenseigenen Immobilien und deren Infrastruktur betrachtet, außerdem die heutigen veränderten Arbeitsweisen, kann es lohnend sein, über eine viel weiter reichende Migration nachzudenken. Was, wenn Unternehmen sich nicht mehr in eigener CI-Architektur präsentieren, sondern der Fokus auf der projektbezogenen Kooperation von berufenen Spezialisten liegt? Innovative Projekte entstehen vor allem über die gezielte, zeitlich begrenzte Zusammenarbeit diverser Fachleute. Diese Projektgruppen könnten ohne weiteres in firmenexternen Gebäuden tätig werden, die auf Zeit gemietet werden und alles Notwendige bereitstellen. Die Zentralisierung von Unternehmen erfordert von den Angestellten eine große Bereitschaft zur Mobilität. Das städtische Verkehrsaufkommen dürfte durch zeitlich begrenzte und dezentrale Unternehmensniederlassungen in Form von Quartierbüros oder „Street Offices“ stark reduziert werden.Darüber hinaus könnte diese Art von Bürostruktur und Büromöblierung dem allgegenwärtigen Leerstand bestehender Bürogebäude entgegenwirken und würde den heute gängigen Arbeitsformen gerecht werden.



Hängende Gärten und Anderes
Entwurf: Andreas Gröning
Text: Manuel Meßmer

Die Gestaltung der Arbeitsumgebung kennt viele Spielarten, für die Arbeitspsychologie ist sie ein wichtiges Forschungs- und Betätigungsfeld. So wurde das Bürogebäude, schrittweise optimiert durch Klimaanlage und elektronische Fassadenelemente, inzwischen zum Energie gewinnenden Kraftwerk weiterentwickelt. Hydrokultur und Kantinenessen hingegen bleiben unverändert Bestandteile heutiger Bürokultur, obwohl die neuen Tendenzen zu Bio und Urban Gardening als Haltung (wieder) in unser Leben einziehen. Angesichts dieser Entwicklungen gilt es, in Bezug auf die Räumlichkeiten eines Büros bestehende Muster und Strukturen zu überdenken. Die Aufzucht und Ernte von Lebensmitteln im Büro sowie deren Zubereitung könnten ideale Ergänzungen zu sitzenden Tätigkeiten und stundenlangen Meetings sein. Sie könnten das Büro zu einem Ort werden lassen, an dem Naturverbundenheit gepflegt und Kreativität angeregt wird. Zusätzlich zur Ernte bringt die Anpflanzung klimatische Vorteile wie Luftbefeuchtung und  Luftbereinigung in die künstliche Umgebung. Ein Hochsitz als Besprechungs- oder Rückzugsort bietet die Möglichkeit, innerhalb der bekannten Umgebung eine neue Perspektive einzunehmen und sich vom eigenen Standpunkt zu lösen. Die Büroumgebung muss sich – auch im Sinne der Effizienzsteigerung – nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer richten und ganzheitlich konzipiert werden.


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